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Lymphdrainage

Geschichte der Lymphdrainage, das Lymphsystem im menschlichen Körper, Ursachen eines Lymphstaus, Praxis und Wirkung der manuellen Lymphdrainage
manuelle Lymphdrainage am Bein

manuelle Lymphdrainage am Bein

Geschichte der Lymphdrainage

Die Lymphdrainage wurde in ihren Grundlagen bereits Ende des 19. Jahrhunderts von dem österreichisch-belgischen Chirurgen Alexander von Winiwarter sowie dem deutschen Chirurgen Johann von Esmarch praktiziert. In den 1930er-Jahren entwickelte der dänische Philologe und Physiotherapeut Emil Vodder mit seiner Ehefrau Estrid dieses Verfahren entscheidend weiter. Sie trugen bestehende Theorien und wissenschaftliche Entdeckungen zum Lymphsystem zusammen und leiteten daraus die manuelle Lymphdrainage ab. Die Basis für diese neue Entstauungstechnik bildeten vier Grundhandgriffe, die weiter unten näher erklärt werden.

Erst Mitte der 1970er-Jahre gewann die Massagetechnik des Ehepaars Vodder in der Schulmedizin zunehmend Akzeptanz und ist bis heute in diversen medizinischen Bereichen vertreten. Die manuelle Lymphdrainage nach Vodder wird an dem von ihnen gegründeten Institut und anderen Einrichtungen gelehrt, meist als spezielle Weiterbildung für Physiotherapeuten, Masseure oder Ärzte.

Eine weitere, weniger verbreitete Lymphdrainagetechnik entwickelte der Belgier Dr. Albert Leduc. Sie kombiniert die manuelle Lymphdrainage mit der Kompressionstherapie und setzt dafür Bandagen oder Geräte, z. B. Kompressoren, ein. Beide Hilfsmittel erzeugen Druck auf die Haut, der die Wirkung der manuellen Therapie unterstützt und verlängert.

Um zu veranschaulichen, wie Lymphsystem und Lymphdrainage funktionieren, folgt ein kurzer Überblick über den Aufbau und die Wirkung der Lymphbahnen im menschlichen Körper.

Das Lymphsystem im menschlichen Körper

Das Lymphsystem durchzieht den ganzen Körper. Es ist neben dem Blutkreislauf ein wichtiges Transportsystem, das an der Reinigung der Zellen von Krankheitserregern und Giftstoffen beteiligt ist. Über den Blutkreislauf gelangen Flüssigkeiten und Nährstoffe ins Gewebe, die sich in den Zellen ansammeln. Die hellgelbe Flüssigkeit im Lymphsystem – die Lymphe – besteht aus Lymphplasma und weißen Blutkörperchen. Die Lymphe fließt in Lymphbahnen, die von Lymphknoten unterbrochen sind. An diesen werden die Verunreinigungen aus der Lymphe entzogen. Von den insgesamt 600 bis 700 Lymphknoten befinden sich 100 bis 200 in der Hals-Rachen-Region. Eiweiße, Fette, Wasser und Zellen sind „lymphpflichtige Lasten“, die über die Lymphbahnen zur Leber gelangen. Die gereinigte Lymphflüssigkeit fließt zurück zum Herzen.

Angeborene oder erworbene Fehlfunktionen des Lymphsystems führen oft zu Anstauungen von Lymphflüssigkeit. Da die Lymphgefäße nahe unter der Haut verlaufen, zeigt sich der Lymphstau durch Schwellungen. Je nach Art der Erkrankung entsteht das Ödem an verschiedenen Stellen, z. B. am Arm, an den Füßen oder Fingern. Häufig äußert sich diese Schwellung an den Beinen, die krankheitsabhängig unterschiedlich anschwellen können. Selten ist nur ein Bein betroffen.

Die Symptome eines Lymphödems sind in zweifacher Weise unangenehm: Einerseits führt das veränderte Aussehen meist zu psychischen Problemen. Andererseits treten Symptome wie Schmerzen, schwere Beine und Unbeweglichkeit auf, die den Lebensalltag stark einschränken können.

Ursachen eines Lymphstaus oder Lymphödems

Das Lymphödem kann angeboren sein, ist jedoch oftmals auch Folge einer Operation. Bei einem angeborenen Fehler im Lymphsystem beginnt die Schwellung meist an den Zehen und wandert zum Oberschenkel hoch. Der Lymphfluss ist gestört, weil zu wenig, zu schmale oder zu weite Lymphgefäße vorhanden sind. Die angeborene Variante des Lymphödems manifestiert sich meist in der Pubertät, nur in seltenen Fällen davor oder danach.

Tritt das Lymphödem einseitig und unmittelbar nach einem operativen Eingriff auf, kann dieser der Auslöser für die Schwellung sein: Bei einer Brustkrebsoperation kommt es bisweilen vor, dass Lymphknoten beschädigt oder entfernt werden, wodurch der Lymphabfluss gestört ist und der Arm anschwillt. In diesen Fällen unterstützt manuelle Lymphdrainage am Arm das Abfließen der Gewebsflüssigkeit. Auch wenn die Lymphknoten nicht entnommen oder beschädigt werden, kann nach einer Operation ein Lymphödem auftreten, weil der Hautschnitt die Lymphbahnen durchtrennt und die Lymphe nicht mehr gleichmäßig abfließt. Meist bildet sich dieses Lymphödem mittels Lymphdrainage dauerhaft zurück. Bei einem angeborenen Lymphödem können die Schwellungen immer wieder neu auftreten.

Die Wirkung der manuellen Lymphdrainage

Damit angestaute Lymphflüssigkeit wieder abfließt, muss der Lymphfluss angeregt werden. Hier setzt die manuelle Lymphdrainage an. Sie unterstützt den Abtransport angestauter Lymphe aus den Zellen zurück in den Blutkreislauf.

Die manuelle Lymphdrainage wird häufig mit einer Massage verwechselt, ist damit aber nicht vergleichbar, denn die Bewegungen erfolgen wesentlich sanfter und mit weniger Druck, sie sind leichter und ausstreichend. Da die Lymphbahnen nahe unter der Haut verlaufen, lassen sie sich durch die Lymphdrainage gut erreichen und stimulieren. Die manuelle Lymphdrainage hilft dabei, mehr Lymphe aus dem Bindegewebe in die Lymphkapillare zu transportieren und die Motorik der Lymphgefäße zu steigern. Beides zusammen führt dazu, dass sich der Lymphfluss verbessert, was wiederum den Organismus bei der Reinigung des Körpers durch Lymphflüssigkeit unterstützt. Die Ausleitung der überschüssigen Flüssigkeit lässt Schwellungen zurückgehen.

Sobald sich eine Lymphansammlung im Körper zeigt, sollte eine manuelle Therapie beginnen, um angestaute Gewebsflüssigkeit zügig zu reduzieren und größere Stauungen zu vermeiden.

Die vier Grundhandgriffe nach Vodder

Beim Praktizieren der Lymphdrainage ist das Wissen über den lokalen Verlauf der Lymphbahnen im Körper sowie über die unterschiedlichen Grifftechniken und ihre korrekte Anwendung entscheidend. Nur ausgebildete Physiotherapeuten, Masseure oder Ärzte für Venenheilkunde (Phlebologen) sollten die Lymphdrainage durchführen.

In der manuellen Lymphdrainage nach Vodder gibt es vier Grundhandgriffe, die passend zu den verschiedenen betroffenen Körperregionen mit größerem oder kleinerem Radius ausgeführt werden können. Man unterscheidet hier zwischen stehendem Kreis, Pumpgriff, Schöpfgriff und Drehgriff. Bei allen Griffen liegen die Hände flach auf, die Bewegungen sind streichend-schiebend und erfolgen mit leicht ansteigendem Druck in Lymphabflussrichtung. Weil bei dieser Behandlung die Haut über dem Gewebe verschoben wird, kommt Öl nur dann zum Einsatz, wenn der Hautzustand dies erfordert, z. B. bei Ekzemen oder an behaarten Körperstellen.

Alle Bewegungen sind rhythmisch und das Kreisen, Pumpen, Schöpfen oder Drehen dehnt die Lymphgefäßwände, sodass die angestaute Lymphe abfließen kann. Dieses sanfte Dehnen und Verschieben von Haut und Unterhaut lockert auch verhärtetes Gewebe.

Kompressionstherapie, Krankengymnastik und gezielte Hautpflege

Die manuelle Lymphdrainage wird als Therapiemaßnahme meist mit anderen Maßnahmen im Rahmen einer komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) kombiniert. Zu den möglichen Parallelmaßnahmen gehört die Kompressionstherapie.

Die Kompressionstherapie soll die erreichte Entstauung der betroffenen Bereiche erhalten. Kompressionsstrümpfe oder -bandagen setzen den sanften Druck der vorausgegangenen Drainage fort und sollen in manchen Fällen zu Bewegung anregen, die dem Stau von Gewebsflüssigkeit entgegenwirkt. In anderen Situationen zielt die Kompressionstherapie auf Schonung und Entlastung.

Auch eine spezielle Krankengymnastik, die positiven Einfluss auf die Beweglichkeit nimmt, kann als Parallelmaßnahme zur Lymphdrainage infrage kommen und dabei helfen, eine erneute Ansammlung von Lymphe in den Gefäßen zu verhindern.

Neben Lymphdrainage, Kompressionstherapie und Krankengymnastik ist eine gezielte Hautpflege sehr wichtig.

Einsatzgebiete: Lymphödem und Lipödem

Nicht nur bei Lymphödemen, sondern auch bei Lipödemen ist die physikalische Entstauungstherapie mit der manuellen Lymphdrainage ein zentraler Behandlungsbestandteil.

Ein Lipödem ist die krankhafte Ansammlung von Fettzellen und Gewebsflüssigkeit in den Gliedmaßen. Die Erkrankung ist angeboren und äußert sich wie das Lymphödem in Form von Schwellungen, die sich aber mittels manueller Lymphdrainage reduzieren lassen. Diese entfernt jedoch nur Gewebsflüssigkeit aus den Gefäßen, die Fettzellen bleiben, sodass die Verformung nicht vollständig zurückgeht. Eine Behandlung des Lipödems mit Lymphdrainage bringt trotzdem häufig gute Therapieerfolge, denn die eingelagerten Fettzellen behindern den Lymphfluss und führen zu Lymphansammlungen in den Gefäßen, was wiederum ein Lymphödem begünstigt. Beide Erkrankungen können demnach gleichzeitig vorkommen, man spricht dann von Lipolymphödemen.

Im Rahmen einer komplexen physikalischen Entstauungstherapie trägt die Lymphdrainage auch in diesem Fall zur Reduktion der Flüssigkeitsansammlung und zur Symptomlinderung bei.

Anwendung der Lymphdrainage bei Übersäuerung und gegen Verspannungen

Die alternative Medizin geht davon aus, dass Gewebe durch die Ablagerung von Verunreinigungen übersäuern kann. Als Folge treten z. B. Hauterkrankungen, Gelenkbeschwerden, Kopf- und Muskelschmerzen auf. Behandelt man die Ursache der Übersäuerung durch Lymphdrainage, gehen die genannten Symptome zurück.

Die Naturheilkunde behandelt darüber hinaus Verspannungen mit der manuellen Lymphdrainage. Sie soll beruhigend auf das Nervensystem wirken und die körpereigene Regeneration anregen.

Die Schulmedizin sieht beide Theorien kritisch, streitet aber die Wirkung der Lymphdrainage bei Lymphödemen und Lipödemen nicht mehr ab.

Kontraindikationen und Nebenwirkungen der Lymphdrainage

Es gibt Krankheiten, bei denen von einer manuellen Lymphdrainage abgeraten wird, weil sie eventuell zu einer Verschlimmerung der Erkrankung beiträgt. Bei Erkältungen oder anderen Infektionen kann die Lymphdrainage die Krankheitserreger im Körper verteilen. Bei einer akuten Thrombose besteht die Gefahr, dass das Blutgerinnsel dadurch eine Lungenembolie auslöst.

Problematisch wäre auch eine Herzschwäche, denn die Lymphdrainage kann das Herz durch die zusätzliche Pumparbeit überfordern.

Genau darin besteht auch die allgemeine Nebenwirkung der manuellen Lymphdrainage. Die Handgriffe führen dazu, dass die Lymphflüssigkeit schneller durch den Körper zum Herzen fließt, das deshalb vermehrt pumpt. Anschließend müssen die Nieren das Wasser ausscheiden. Wenn Herz und Nieren krank sind, können sie die Folgen der Lymphdrainage möglicherweise nicht auffangen.

Neben der Herzschwäche zählen Bluthochdruck, Angina Pectoris, Herzrhythmusstörungen, Leber- und Nierenschwäche, Arteriosklerose, Krebserkrankungen, akute allergische Reaktionen und Entzündungen zu den Kontraindikationen für die Lymphdrainage. Geschulte und erfahrene Therapeuten können anhand der vorliegenden Diagnose einschätzen, ob eine Lymphdrainage infrage kommt.